Wessi goes east: Wie ich den Robotron PC 1715 kennenlernte

„Mit der Produktion des Personalcomputers 1715 leistet der VEB Robotron Büromaschinenwerk Ernst Thälmann Sömmerda einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED. Durch die Realisierung der Verpflichtung der Büromaschinenwerker, bis Ende 1986 der Volkswirtschaft 10.000 Personalcomputer zusätzlich zum Plan zur Verfügung zu stellen, wird die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zur Intensivierung volkswirtschaftlicher Prozesse und zur Steigerung der Arbeitsproduktivität wirksam unterstützt.“


Quelle: Handbuch „Der Personalcomputer 1715“, Herausgeber: VEB Kombinat Robotron, mehrere Autoren, ISBN 3-349-00231-5, Ausgabe: 1986/1987)

So war das damals in der DDR! Die Führung der Staatsmacht, die Einheitspartei SED der Deutschen Demokratischen Republik, legte alle fünf Jahre einen Plan vor, in dem festgelegt wurde, was in den Werken der ostdeutschen Kombinate zu entwickeln und produzieren war. Auch im damaligen Ostblock, zu dem auch die damalige DDR zählte, wurde natürlich die Wichtigkeit von Computertechnik erkannt und somit wurde schon sehr bald mit eigenen Entwicklungen in diesem Bereich begonnen.

Schon Mitte der 50er Jahre entstanden erste röhrenbasierte Großrechner und gegen Ende der 1960er Jahre wurde mit der Entwicklung des Großrechners Typ 300 auf Transistorbasis auch die Firma Robotron gegründet. Später entstanden daraus unter anderem die damaligen Hochburgen der IT in Dresden, Sömmerda bei Erfurt und Mühlhausen in Thüringen.

Erster Kontakt

Der PC 1715 ist jedoch kein Homecomputer und passt somit eigentlich nicht so recht in meine Sammlung. Mir wurde der Computer von jemandem aus der Gegend angeboten, der ihn vor der Verschrottung gerettet hatte und selbst nichts damit anfangen konnte. Der Computer stammt ursprünglich aus einer Firmenauflösung im thüringischen Sonneberg. Offensichtlich stand er dort viele Jahre im Keller, denn ernsthaft damit gearbeitet hatte damit sicher schon lange niemand mehr. So hat er aber relativ unbeschadet die Wende überstanden, wurde dann aber über Jahrzehnte eingemottet und vergessen.

Nun aber ist er über Umwegen bei mir gelandet! Ich fand die Idee jedenfalls spannend mich mit dieser DDR Technik etwas genauer zu beschäftigen und möchte meine Erfahrungen damit berichten.

Der PC 1715 wurde ab ca. 1985 im volkseigenen Kombinat in Sömmerda hergestellt. Er besitzt einen 8-Bit Prozessor, der in der DDR unter der Typ-Bezeichnung U880 produziert wurde. Beim U880 handelt es sich um einen Clone des Zilog Z80 Prozessors, der aufgrund des Embargos des Westens nicht in den Ostblock verkauft werden durfte. Mein Rechner ist mit insgesamt 48 kB RAM ausgestattet und besitzt zwei 5,25 Zoll Diskettenlaufwerke mit je 780 kB Speicherkapazität (ältere Varianten setzten noch Laufwerke mit einer Kapazität von 624kB ein). Eine Festplatte war für diesen Computer nicht vorgesehen. Die Anzahl der Diskettenlaufwerke konnte jedoch noch durch zwei Externe erweitert werden. Als Betriebssysteme standen unter anderem SCP (Single User Control Program) oder CP/A zur Verfügung, die zum in den USA von Digital Research entwickelten CP/M kompatibel waren. Das Betriebssystem CP/M war, vereinfacht ausgedrückt, der Vorläufer von MS-DOS und in den 80er Jahren sehr weit verbreitet. Es wurde für viele Rechnersysteme angepasst und durch seine große Verbreitung war die Auswahl an Software sehr groß. Diese Software Kompatibilität war auch mit SCP auf dem PC 1715 gegeben. Die Textverarbeitung WordStar war ein Beispiel für eines der am häufigsten eingesetzten Anwendungsprogramme, das irgendwie den Weg in den Osten fand und auch auf dem PC 1715 lauffähig war.

Als ich den Computer abholte konnte ich ihn kurz vor Ort ausprobieren. Der Verkäufer hatte keine Disketten zum Starten, weswegen ich mir zu Hause vorher noch schnell eine SCP Bootdiskette erstellte. Das ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, weil das Diskettenformat an modernen PCs nicht mehr unterstützt wird. Deswegen hab ich die Image Datei, die ich im Internet fand, auf meinem Schneider AT 386SX mit MS-DOS 6.22 kopiert. Dort hab ich dann ein 1,2 MB 5,25“ Diskettenlaufwerk angeschlossen und mit dem MS-DOS Tool IMD das Image auf eine DS/DD Diskette geschrieben. Tatsächlich funktionierte die Diskette im PC 1715 auf Anhieb, denn nach einigen Sekunden wurde ein verschobenes Bild auf dem 12“ Grünmonitor angezeigt. Beim PC 1715 gehört der Monitor übrigens fest zur Ausstattung dazu. Es handelt sich hierbei um das Modell K7222.25, der technisch dem Modell K7222 entspricht, aber ein dem PC-1715-Design angepasstes Gehäuse besitzt. Der Anschluss des Bildschirms erfolgt per DDR-Norm-Stecker (EFS) und die Stromversorgung (12V) wird vom Netzteil des PCs aus mitversorgt.

Tastatur mit Controller inkl. U880 Prozessor

Mit der Tastatur verhält es sich ähnlich speziell. Sie hat nämlich ebenfalls keinen westlichen Standard DIN-Anschluss. Im Inneren der Tastatur sitzt ein eigener U880 Prozessor als Tastaturcontroller. Die sehr wuchtige Tastatur besitzt 98 Tasten und überraschender Weise hat sie kein deutsches QWERTZ Layout, sondern das internationale Schreibmaschinenlayout (QWERTY). Es gibt außerdem deutlich mehr Funktionstasten (15) als bei IBM-kompatiblen Tastaturen. Die Enter- bzw. Return-Taste die hier mit „ET“ bezeichnet ist, hat eine ungewöhnliche Position neben der Leertaste, hat die gleiche Höhe und ist nur doppelt so breit wie die normalen Buchstabentasten. Interessant ist außerdem die Doppel-Null-Taste im Zahlenblock, die die Eingabe von Zahlen mit zwei Nachkommastellen, z.b. für Preise, deutlich beschleunigt.

Ich bekam gleich zwei Tastaturen und zwei Bildschirme zu meinem 1715. Leider hatten beide Monitore ihre Macken. Sie gingen zwar an und zeigten ein Bild, jedoch war die Bildlage stark verschoben – ich vermutete alternde Elkos. Ein Monitor zeigte in den Ecken teilweise gar kein Bild. Eine der beiden Tastaturen ist ebenfalls defekt. D.h. ich musste mich zu Hause mit dem Konvolut etwas intensiver beschäftigen. Das wichtigste war jedoch, dass der Rechner von Diskette startete. Das ist nach so langer Lagerung auch nicht selbstverständlich.

Instandsetzung

Daheim nahm ich dann den Rechner auch von innen genauer unter die Lupe. Der PC 1715 besitzt ein sehr wuchtiges und stabiles Stahlgehäuse. Auch das Gehäuse des Monitors ist aus dem gleichen Material. Mein Modell ist in weiß-schwarz gehalten, es gab aber auch Varianten in einer Art braun/beige. Sehr gewöhnungsbedürftig sind die einfachen Schlitzschrauben, die üblicherweise bei Computern aus der DDR verwendet wurden. Ich rutschte häufiger mit meinem Schraubenzieher ab und musste oft mehrmals ansetzen, um die Schrauben zu lösen. Im Inneren bietet sich nach der Reinigung aber ein sehr aufgeräumtes Bild. Die beiden Floppy-Laufwerke sind bereits neuerer Bauart von Mitsubishi und in der Mitte gibt es einen einzigen großen, quer verbauten Papst-Lüfter. Außergewöhnlich: Der Lüfter arbeitet mit 220V! Er lässt sich also nicht so ohne weiteres gegen einen handelsüblichen PC-Lüfter tauschen. Wenn der Rechner startet, dann dreht er deutlich vernehmbar hoch. Hier wäre ein leiserer Lüfter wünschenswert. Das Netzteil befindet sich auf der rechten Seite und beansprucht die gesamte Tiefe des Rechners. Wie bereits weiter oben geschrieben, versorgt es auch gleichzeitig den Monitor mit Strom. Somit ist nur ein Netzkabel notwendig. Der Lüfter saugt die Luft von vorne durch das Netzteil und bläst sie dann um 90° gedreht durch die Steckkarten und das Mainboard auf der linken Seite wieder raus.

Rechts das Netzteil, oben in der Mitte der Papst-Lüfter, links oben der Diskettencontroller, darunter die beiden Floppy-Laufwerke von Mitsubishi.

Die beiden Monitore habe ich ebenfalls geöffnet und fand mehrere Potis zur Bildeinstellung. Mit ein bisschen Herumprobieren konnte ich wenigstens einen der Bildschirme wieder so einstellen, dass er ein sauberes und einigermaßen stabiles Bild lieferte. In der Zwischenzeit hab ich im Internet einige Berichte gelesen, die den Monitoren auf Dauer keine große Überlebenschance einräumen. Offensichtlich ist die Wicklung des Hochspannungstrafo nicht von guter Qualität und lässt die Monitore irgendwann sterben. Eine Reparatur lohnt dann nicht mehr. Na prima, das sind ja schöne Aussichten! Auch die Tastaturmembran ist anfällig und führt dazu, dass die Tastenanschläge entweder nur mit höherem Druck funktionieren oder prellen. Bei meiner Tastatur ist das glücklicherweise nur bei einzelnen Tasten der Fall. Übrigens gab es mehrere Tastaturvarianten für den PC 1715. Mein Modell ist die ursprüngliche Variante mit transparenten Funktionstasten. Eine Krankheit der Tastatur ist, dass sich die Tastenkappen recht leicht lösen und zusammen mit der Hubfeder abspringen.

Da der Rechner nun schon offen war, hab ich auch gleich noch die Schreib-Leseköpfe der Diskettenlaufwerke gereinigt. Wie sich herausstellte, arbeiteten die Laufwerke nach der Reinigung anstandslos und zuverlässig.

Mit diesem Setup lies sich also erst einmal arbeiten und es machte mich glücklich, dass ich mich nun näher mit dem System beschäftigen konnte.

Softwareauswahl und Spiele

Leider ist es gar nicht mehr so einfach passende Software Images im Internet für diesen Rechner zu finden. Logischerweise ist die „Community“ für Büro-Computer der DDR nicht besonders groß. Leichter findet sich da schon Software für die Heimcomputer, bzw. Kleincomputer KC85/87 der DDR, für die es immer noch viele Liebhaber und Sammler zu geben scheint. Auch mit Spielen sieht es für den PC 1715 eher bescheiden aus. Bis auf ein paar ASCII-Zeichen Games muss man sonst jedoch auf Spiele verzichten, denn der Computer kannte weder Rastergrafik und erst recht keine Sprites. Trotzdem hab ich mir die paar Spiele heruntergeladen und ausprobiert. Darunter sind so Spielhallenklassiker wie Wurmi, CatChum (PacMan), Leiter bzw. Ladder (DonkeyKong) oder Super-Tetris. Aber am meisten fasziniert hat mich das Spiel Pilots, was sehr liebevoll und mit sehr raffinierten Tricks einen tollen Charme aus der ASCII Grafik zaubert.

Der Computer wurde jedoch hauptsächlich für die seriöse Büroarbeit entwickelt. Die Software dafür wurde oft von sehr populären, westlichen Programmpaketen gecloned bzw. raubkopiert. Wie bereits oben erwähnt war das Betriebssystem SCP mit CP/M 2.2 kompatibel. Dadurch lief dann auch entsprechende CP/M Software aus dem Westen auf dem Computer. Die Textverarbeitung TP zum Beispiel war ein Clone von WordStar und die verbreitete Datenbank ReDaBaS (Relationales Datenbank System) war eine Kopie von dBase-II. Daneben gab es einige Programmiersprachen wie BASIC, Pascal, Fortran, Assembler.

Anschlüsse

Es gibt in dem Rechner nur einen freien internen Steckplatz, der wahlweise mit einer Druckerschnittstelle (IFSS), zwei V.24 Schnittstellen, SCOM-LAN, oder einer Grafikerweiterung bestückt werden konnte. Besonders die Grafikerweiterung kam so selten zum Einsatz, dass sie heute also ausgestorben gilt.

Standardmäßig besitzt der Rechner aber auf der Rückseite bereits je eine V.24 Schnittstelle für Drucker und Modem und den Anschluss für die externe Laufwerkseinheit.

Drucken

Robotron K 6304 Thermotransferdrucker mit Rollenhalterung für das „Fax-Papier“

Ein Bürocomputer ohne Drucker ist fast wie eine Spielekonsole ohne Joystick 😉

Ich bin seit einiger Zeit schon im Besitz eines Thermotransferdruckers robotron K6304 mit V24 Schnittstelle. Er ist sehr kompakt gebaut und benötigt noch nicht mal ein Farbband, da er wie ein klassisches Faxgerät funktioniert. Dafür benötigt er aber entsprechend speziell beschichtetes Rollen-Papier. Alternativ können auch Thermotransfer-Farbbänder verwendet werden, um damit auf Normalpapier zu drucken. Fehlt nur noch ein passendes Kabel, was den Drucker mit dem PC 1715 verbindet. Mit seinen wechselbaren Interface-Modulen ist der Drucker vielfältig einsetzbar. Die V24 Schnittstelle hat eine 25 polige serielle Buchse. Der Anschluss an den Computer ist jedoch etwas aufwändiger zu realisieren, weil der Druckerport ein 5 poliger DDR-EFS Stecker ist. Da die Tastatur den gleichen Anschluss verwendet, hab ich den Stecker von der defekten Tastatur „entliehen“ und damit mein serielles Kabel konfektioniert.

Unter SCP wie auch bei CP/M gibt es das Copy-Tool PIP, mit dem man auch Textdateien an den Drucker „kopieren“ kann. Mit dem Befehl, pip lst:=textdatei, wird die entsprechende Datei an die Schnittstelle „lst“ gesendet. Die Schnittstellen können z.B. mit dem Tool instscp Menü geführt konfiguriert werden. WordStar verwendet ebenfalls standardmäßig das lst Gerät, sodass auch mit der Textverarbeitungssoftware der Drucker sofort funktioniert. Durch sein Thermotransfer-Druckverfahren ist der Drucker angenehm leise.

Verbreitung

Der PC 1715 wurde damals auch in den Ostblock, also den sog. Bruderstaaten der DDR bis nach Russland exportiert. Durch einen zusätzlich vorhandenen EPROM Steckplatz konnte ein zweiter Zeichensatz verbaut werden, um damit zum Beispiel die kyrillischen Zeichen verfügbar zu machen. Der Zeichensatz konnte dann mithilfe einer eigenen Taste auf der Tastatur im laufenden Betrieb umgeschaltet werden. Durch seine recht kompakte Bauweise und die Kompatibilität zu CP/M fand der PC 1715 eine große Verbreitung in den osteuropäischen Ländern. Zusammen mit seinem Nachfolger dem PC 1715W wurden insgesamt etwa 93.000 Geräte gefertigt. Anfänglich kostete der Computer ca. 19.000 Ost-Mark – später sank der Preis auf ca. 15.600 Ost-Mark.

Schon allein aufgrund der Lizenz- und Patentverletzungen bei CPU, Betriebssystem und Anwendungssoftware, konnte dieser Computer nie im Westen verkauft werden. 1987 wurde zwar noch der Nachfolger PC 1715W vorgestellt, der einige Verbesserungen gegenüber dem Vorgänger vorzuweisen hatte, wie z.B. 256 kB RAM und 4 MHz Taktfrequenz. Jedoch galt die 8-Bit-Technik zu dieser Zeit schon als veraltet. Im gleichen Jahr brachte IBM nämlich bereits das PC Modell PS/2 mit 32-Bit Intel 80386 Prozessor, VGA, Festplatte und 3,5“ Diskettenlaufwerk auf den Markt.

Quellen:

https://www.robotrontechnik.de/index.htm?/html/computer/pc1715.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/CP/M

https://www.robotrontechnik.de/index.htm?/html/drucker/thermo.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Personal_System/2

https://www.robotrontechnik.de/index.htm?/html/software/spiele.htm

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